Lenin und die Jugend
Liebe Genossinnen und Genossen,
zunächst einmal möchte ich mich im Namen meiner Organisation für die Einladung zu dieser Podiumsdiskussion bedanken. Als sozialistische Jugendliche ist es für uns eine Ehre, im hundertsten Jahr in Gedenken an Lenin mit Revolutionären und gerade auch mit Jugendlichen aus der ganzen Welt gemeinsam diskutieren zu können. Zuerst kann man mit allem Recht sagen, dass die Lehren Lenins auch hundert Jahre nach seinem Tod noch Generationen von Jugendlichen begeistern, auch nach hundert Jahren noch eine Zukunftsperspektive geben, die die Quelle jedes Kampfwillens ist. Wenige Menschen haben die Weltgeschichte wie auch die Träume, den Mut der Jugend so sehr geprägt wie Lenin in den letzten hundert Jahren. 20 Jahre nach seinem Tod sind Tausende junge Rotarmist:innen in den siegreichen Kampf gegen den Faschismus gezogen: Unter dem Banner der Partei und der sozialistischen Republik, die Lenin maßgeblich mit geschaffen hat. Weitere Jahre später haben wir eine Welle der Studierendenrevolten und, darüber hinaus, der antikolonialen Revolutionen in etlichen Ländern dieser Welt erlebt. Auch diese Bewegungen wurden maßgeblich getragen von jungen Revolutionär:innen, deren Vorbild der Genosse Lenin war.
1. Was hat uns Lenin mit auf den Weg mitgegeben?
Fangen wir an mit dem Klassiker: "Die Aufgabe besteht darin, zu lernen." Das sagt uns Lenin - so wie es uns unsere Lehrer in der Schule auch gesagt haben. Im Unterschied zur bürgerlichen Schule jedoch macht Lenin dabei einen ganz anderen Punkt, der für die Entwicklung der kommunistischen Jugend essentiell ist, nämlich dass die Jugend den Kommunismus nur studieren kann, wenn sie jeden Schritt ihrer Schulung, Erziehung und Bildung mit dem ununterbrochenen Kampf der Proletarier gegen die Ausbeutergesellschaft verknüpft. Heute gilt mehr denn je, dass die Jugend ihre eigene Zukunft mit der Zukunft des Proletariats verbinden muss. Das heißt, dass die Jugend sich um die marxistisch-leninistische Vorhut vereinen müssen.
Unsere Generation hält sich oft für schwach und ohnmächtig gegenüber den Grausamkeiten dieses Systems. Aber die Vorkämpfer der revolutionären Bewegung in der Türkei – Deniz Gezmis, Mahir Cayan und Ibrahim Kaypakkaya - waren auch gerade erst Anfang 20, als sie mit dem vorherrschenden Reformismus gebrochen haben, einen bewaffneten Kampf gegen den Faschismus begonnen und einen revolutionären Sprung gemacht haben! Wie viele 15-jährige Jugendliche nehmen Platz ein in der Verteidigung der Revolution von Rojava und im nationalen Befreiungskampf Palästinas?
2. Lernen ist (auch) Handarbeit
Genauso, wie wir unbeirrt mit dem Ziel von Sozialismus und Revolution lernen werden, müssen wir dies in erster Linie in der Praxis tun. Das hat zwei Gründe: Wer abseits von der Realität des Lebens lernt, sich nur hinter seinen Büchern versteckt, ist alles außer revolutionär. Ein Beispiel: Als die Revolution in Rojava begann, haben Organisationen, die sich dem Sozialismus verschrieben haben, aus dem Buche heraus ihre Zeit damit verbracht, ihre Distanz zu dieser Revolution mit Zitaten zu erklären, während im realen Leben junge Revolutionär:innen ihr ganzes Leben dieser Revolution widmeten und damit wirklich ihren Dienst für die Arbeiter:innen und Unterdrückten erfüllten. Heute stellt die internationale Jugendbewegung sich dieselbe Frage in Bezug auf den Widerstand des palästinensischen Volkes: Wollen wir zuschauen, lesen und kommentieren? Oder erkennen wir an, dass die Bedingungen und Losungen des Kampfes in verschiedenen Ländern unterschiedlich sind, in ihrem Kontext verstanden und die eigene Rolle darin erkannt und erfüllt werden muss? Die internationale Jugendbewegung in Solidarität mit dem palästinensischen Befreiungskampf ist dahingehend ein hoffnungsvoller Schritt. Von den Universitäten der USA bis zur Sonnenallee in Berlin. Gerade in der internationalen Solidarität für Palästina spielt die Jugend eine dynamische und wegweisende Rolle. Während Palästina in den imperialistischen Zentren die Grenzen der bürgerlichen Demokratie aufgezeigt hat, haben Jugendliche die Ungerechtigkeit der zionistischen Unterdrückung und die Gerechtigkeit des Widerstands erkannt und haben ihre Herzen in Brand gesetzt. Sie haben den Repressionen getrotzt, wie zum Beispiel die junge Frauenorganisation Zora in Deutschland, die als erste von Hausdurchsuchungen und Gerichtsverhandlungen betroffen war. Bei einer der Verhandlungen wurde den Anwälten, die die Legitimität der Solidarität mit Palästina zum Ausdruck gebracht haben sogar vom Richter gesagt, dass dieses Verfahren eingestellt werden müsste, er es aber nicht kann. Die Solidarität mit Palästina ist legitim, der nationale Befreiungskampf von Palästina ist gerecht und wir müsssen uns alle gemeinsam gegen die Repressionen und Unterdrückung wehren. Das ist Lenins Art.
So, wie Lenin vor über 100 Jahren auf Augenhöhe mit den kommunistischen Studierenden diskutiert hat, welche Teile ihre Bewegung beinhaltet, für welche Forderungen sie wie kämpfen muss, um als kommunistische Vorhut die gesamte Studierendenschaft nach vorne zu ziehen - auf dieselbe Weise müssen wir heute unsere Analysen verschärfen.
3. Eine neue Generation, eine Generation der Siege schaffen!
Vor der revolutionären Jugend von heute stehen große Aufgaben. In einer Zeit, in der die weltweite revolutionäre Bewegung den heutigen Anforderungen gerecht werden muss, in der imperialistischen Kriege und Umweltkatastrophen unsere Zukunft gefährden, wollen wir das Konzept "Hoffnung" zurück in die Köpfe der Menschen bringen. Lenin zeigt uns, dass selbst aus dem Grauen des ersten Weltkriegs eine glorreiche Oktoberrevolution geboren werden kann. Dass Tausende Jugendliche nach der Beutelung von Krieg und Hunger wieder Mut darin fassen können. Aber Lenin erkennt auch, dass für den Erfolg der Revolution und des Sozialismus vor allem eines nötig ist: Die Schaffung einer neuen Generation, die in ihren Eigenschaften die Antwort auf die Herausforderungen ihrer Zeit trägt. In Zeiten des Aufbaus des Sozialismus ging es besonders darum, Jugendliche zu erziehen, die ihre gesamte Energie in den gesellschaftlichen Fortschritt steckt. Die sich komplett neuen Fragen einer neuen Gesellschaft ohne zu zögern stellt.
Die Zeiten, in denen wir kämpfen, werden rauer.
Ein Beispiel, von dem wir in solchen Zeiten, da das Klima rauer wird, viel lernen können, sind die sozialistischen Jugendlichen der SGDF in der Türkei. Im Jahr 2015 wurde ein brutales Attentat des IS in Zusammenarbeit mit dem türkischen Staat gegen sie verübt, bei welchem 33 Menschen unsterblich wurden. Dieses Attentat war einer der größten Angriffe auf die revolutionäre Bewegung in der Türkei in der jüngeren Geschichte. Es war ein schreckliches Massaker, das darauf abzielte, die Jugendlichen, die sich aus der Türkei auf den Weg nach Rojava gemacht hatten, um eine Brücke zwischen der Jugend von Gezi und von Kobane zu schlagen, auszulöschen. Dieser Angriff wurde trotz des Verlusts und Schmerzes mit neuer Kampfentschlossenheit und politischem Bewusstsein abgewehrt.
Heute müssen wir uns als revolutionäre Jugendliche überall auf der Welt gegen Imperialismus und Faschismus in Stellung bringen, die richtigen Losungen aufstellen und Seite an Seite dafür kämpfen. Für die Freiheit vom Fluss bis zum Meer, von den Bergen Kurdistans bis in die Städte Europas.
Gerade die Jugend wird eine sehr entscheidende Rolle im Kampf gegen imperialistischen Krieg, Militarismus und Rassismus spielen. Während der wachsende Faschismus ein Vorbote der imperialistische Kriegsvorbereitung für die erneute Aufteilung der Welt ist und die Flüchtlingsfrage für sich instrumentalisiert, steht die Jugend vor der Aufgabe, das Banner des Internationalismus zu heben. Der Imperialismus und Faschismus bedroht am meisten die Zukunft der Jugend.
Wir sehen an den Aufständen im Iran, in Bangladesch, am arabischen Aufstände, die in Tunesien begannen, etc., dass die Volksjugend eine der antreibenden Kräfte revolutionärer und aufständischer Bewegungen in der Welt ist. In unserer heutigen Zeit verschärfen sich die Fronten und wenn wir diese Jugendlichen nicht organisieren, dann wird es die Reaktion tun.
Kommunistische Jugendliche haben heute vor allem die Aufgabe, den Massen der Jugendlichen eine Kampfperspektive zu bieten. Als kommunistische Jugendliche dürfen wir nicht darauf warten, an die Hand genommen und auf alles vorbereitet zu werden. Unsere Schule ist die Straße, ist der revolutionäre Kampf. Wir müssen die Klassiker studieren, aber nicht als Hobby losgelöst von der Realität – sondern um die Methoden des Marxismus zu verstehen, mit denen wir Antworten auf die Fragen unserer Zeit finden und diese ohne Scheu praktisch anwenden.
Man ist nie zu jung, um eine Revolution zu organisieren. Wie unterschiedlich auch die Bedingungen der Jugendbewegungen sein mögen, überall auf der Welt spitzen die Klassenkämpfe sich zu und die Fronten des revolutioären Kampfes werden härter. Was wir heute brauchen sind junge Revolutionär:innen, die mit dem selben Mut, Optimismus und Erneuerungsgeist wie Lenin immer den Blick auf die Herrschaft legen und jede politische Chance ergreifen. Als Lenin die Aprilthesen aufstellte, hielten alle ihn für verrückt. Wenige Monate später lag die Macht in den Händen des jungen Sowjetvolkes. In einer Welt, die sich schnell verändert, müssen wir lernen, genauso schnell die Widersprüche im politischen Kampf zu analysieren, unsere Losungen und Taktiken anzupassen und als Jugend die vordersten Reihen in den Kämpfen und Aufständen einzunehmen, um diese zur Revolution zu führen.
Nicht zuletzt ist unsere Aufgabe die Schaffung einer neuen Generation: Die den Sozialismus erkämpft und den Kapitalismus mit allen seinen verrotteten Eigenschaften hinter sich lässt. Die Erfahrungen zeigen uns, dass wir dadurch, mitten im politischen Kampf zu stehen, kein Risiko zu scheuen und den Feind immer ins Visier zu nehmen, eine Generation schaffen können, die sich ihrer Feinde bewusst ist, die sich im politischen Kampf stählt und entwickelt und alles lernt, was sie braucht für die Kämpfe, die kommen.